Herr Rar charakterisierte die Corona-Krise als eine dreistufige. Die erste Phase ist eine, die unmittelbar mit den Aufgaben im Bereich der Gesundheitsvorsorge und Lebenserhaltung der Menschen zusammenhängt. Die zweite Phase sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Und die dritte beinhaltet sozial-politische Folgen.
Der Vortragende äußerte die Meinung, dass Europa und Russland aktuell sich im Stadium der Beendigung der ersten und des Beginns der zweiten Etappe befinden. Auf dieser zweiten Etappe vermutet Rar den Bankrott einiger Staaten, Erschütterung für das mittlere Unternehmertum, welches Grundlage liberaler Demokratien ist, Probleme mit dem weiteren Funktionieren der Sozialstaaten. Überall erhöht sich die Anforderung an einen starken Staat, der Liberalismus hingegen wird keine guten Zeiten erleben, meint Rar. „Es werden jene gewinnen, die Produktion im eigenen Land wieder ankurbeln können. Verlust werden jene erleiden, die sich ausschließlich auf dienstleistungsorientiertes Wirtschaften eingestellt haben. Es wird sehr viel Zeit vergehen, bevor die Konsumgesellschaft wiederhergestellt wird, wenn es überhaupt passiert“, - sagte der Politologe.
Was sozial-politische Folgen der Krise angeht, so werden sich ihre Konturen erst am Ende der wirtschaftlichen Phase der Krise abzeichnen. Einstweilen unterbreitete der Vortragende zwei Szenarien: „Die Welt ohne Veränderungen“ und „Die Welt der großen Veränderungen“. Im Rahmen des ersten Szenarios wurde die Unfähigkeit moderner Eliten die bestehenden Meinungsverschiedenheiten angesichts des gemeinsamen Problems zu überwinden. Einstweilen wurde die Krise lediglich zum Katalysator vorher bestehender Konflikte und Widersprüche zwischen den Verteidigern der monopolaren Welt und den Verfechtern der Multipolarität. So wurden die Versuche die Sanktionen auszusetzen vom Westen abgelehnt. Im Rahmen des zweiten Szenarios wurde der „Mega-Konflikt“ der USA und Chinas diskutiert. In diesem werden sowohl Europa als auch Russland eine Wahl treffen müssen. Rar meint, die EU-Länder würden sich mit den USA solidarisieren und Russland mit den eurasischen Ländern – mit China.
Im zweiten Teil der Diskussion wurden Widersprüche um die Pipeline „Nord Stream 2“ sowie prinzipielle Fragen europäischer Sicherheit behandelt. In der Periode nach dem „Kalten Krieg“ ist es nämlich nicht gelungen, Institute zu schaffen, die Russland mit dem Westeuropa verbinden hätten können. Rar nahm an, dass abseits der EU und NATO die OSZE die dritte Stütze europäischer Einrichtung werden könnte, doch gibt es ein ernsthaftes Gegenwirken seitens der USA, demnach ist eine solche Möglichkeit nur in ferner Perspektive abzusehen.
Am interessierten Meinungsaustausch beteiligten sich der Botschafter Kasachstans in Österreich und der ständige Vertreter bei der OSZE Kayrat Sarygaj, die Philologin Elisabeth Heresch und der Handelsvertreter Russlands in Österreich Alexandr Potjemkin. Die Diskussion wurde vom wissenschaftlichen Koordinator des Zentrums eurasischer Forschungen der Universität Wien Alexandr Dubowy moderiert. Am Ende des Meetings betonte der Leiter der Vertretung von Rossotrudnitschestwo in Österreich Dmitrij Sokolow, dass das RKI auch in der Zukunft seinen Standort für den wissenschaftlichen Austausch für aktuelle Probleme der Gegenwart im Rahmen der Reihe „Wiener Gespräche“ zur Verfügung stellen wird.